Was eine 93-jährige Römerin uns über ein langes, gutes Leben lehrt (und warum Langlebigkeit weniger mit Biohacking und mehr mit Kaffee auf der Piazza zu tun hat)
- Chiara Polverini

- 11. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Ich habe gerade die Straße überquert – und in dem Moment öffnete sich das schwere Tor eines alten römischen Gebäudes. Dahinter stand sie: eine ältere Dame, schön gekleidet, ein Hauch Schminke im Gesicht, ein freundliches Lächeln. Ihr Name ist Marcella, sie ist 93 Jahre alt und wohnt seit ihrer Geburt im selben Viertel. Sie erzählte das alles so offen, während ich ihr das Tor aufhielt, damit sie mit ihrem Rollator besser herauskam. Viel Zeit zum Quatschen hatte sie nicht – sie war auf dem Weg zur Piazza, zum täglichen Caffè mit ihren Freundinnen. Das machen sie jeden Vormittag. Schon immer. Ein paar Stunden später traf ich Marcella wieder – diesmal im alimentari, dem kleinen Lebensmittelladen an der Ecke. Sie wurde von allen gegrüßt, kannte alle, und sah aus, als wäre sie mitten im Leben. Man sprach über Gesundheit, über Essen (ein zentrales italienisches Thema) und lachte zusammen. Es war nicht bloße Neugier – es war echte Verbundenheit. Im Nachgang habe ich erfahren, dass Marcellas Mutter mit 102 gestorben war.
Diese kurze Begegnung an einem milden Dezembertag in Rom … sie fasst wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, die Forscher:innen über Jahrzehnte gesammelt haben: was wirklich zählt für ein langes, glückliches Leben.
Warum deine sozialen Beziehungen wichtiger sind als dein Biohacking-Programm
Wenn wir an Gesundheit und Langlebigkeit denken, kommen uns oft Begriffe wie Genetik, Ernährung, Sport oder Meditation in den Kopf. All das spielt eine Rolle. Aber die stärksten Prädiktoren für ein langes, erfülltes Leben sind etwas völlig Alltägliches: Beziehungen.
Das zeigt eine der einflussreichsten Studien der Sozialforschung:Diese Meta-Analyse von 148 prospektiven Studien mit über 308.000 Teilnehmenden* fand:
Menschen mit starken sozialen Beziehungen haben etwa 50 % höhere Überlebenschancen im Vergleich zu Menschen mit schwachen sozialen Bindungen. Und das gilt unabhängig von Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand oder Todesursache.
Eine andere Forschungsgröße ist die Harvard Study of Adult Development** – eine der längsten Längsschnittstudien, die je durchgeführt wurden. Sie läuft seit 1938 und verfolgt Leben über Jahrzehnte hinweg. Sie zeigt immer wieder dasselbe:
Menschen mit engen, stabilen sozialen Beziehungen leben länger und glücklicher – näher als alle anderen Faktoren wie Geld, Erfolg oder Bildung
Was macht soziale Nähe eigentlich mit uns?
Warum wirkt das? Forschende sehen mehrere Mechanismen:
Stress wird reguliert
Zwischenmenschliche Nähe senkt Stresshormone wie Cortisol und erhöht Botenstoffe wie Oxytocin, die Bindung und Sicherheit fördern. Das wirkt sich positiv auf Immunsystem und Blutdruck aus und reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Isolation ist tödlicher als wir denken
Studien zeigen, dass soziale Isolation den Risikofaktor sozialer Kontakte in seiner Wirkung auf die Sterblichkeit übersteigen kann – ähnlich wie Rauchen oder Bewegungsmangel.
Routinen und Erwartungen geben dem Gehirn Struktur
Ein täglicher Kaffee mit Freund:innen – wie bei Marcella – ist mehr als ein Ritual. Das, was Marcella tut, ist in der Forschung als “meaningful daily social ritual” bekannt. Es schafft Vorhersagbarkeit, Sinn und Verlässlichkeit im Alltag. Diese Routinen schützen kognitive Funktionen und Wohlbefinden.
Marcella lebt in einem klassischen Blue-Zone***-Mikroklima
Die sogenannten Blue Zones (Sardinien, Okinawa, Ikaria, Nicoya, Loma Linda) wurden von Dan Buettner und Demografen identifiziert, weil dort überdurchschnittlich viele Menschen gesund 90+ oder 100+ werden. Die entscheidende Erkenntnis daraus:
Langlebigkeit ist kein individuelles Projekt – sie ist ein ökologisches Produkt.
Marcella lebt in genau so einer Mikro-Ökologie:
fußläufige Nachbarschaft
tägliche soziale Rituale
niedrige finanzielle Hürden
kulturelle Normalität von Alter
Blue-Zone-Studien zeigen, dass diese Faktoren stärker wirken als Ernährung oder Sportprogramme.
Klima & Architektur sind stille Gesundheitsfaktoren
Roms Viertel erfüllen mehrere altersrelevante Bedingungen. Marcellas Leben in einer lebendigen Nachbarschaft, mit günstigen Treffpunkten und kollektiven Gewohnheiten, ist kein Zufall – es ist eins dieser salutogenen Muster.
In Nordeuropa oder Nordamerika sitzen alte Menschen oft allein in Wohnungen.In Südeuropa sitzen sie in der Öffentlichkeit. Das ist ein riesiger Unterschied für:
Demenzrisiko
Depression
Mobilität
Sturzgefahr
Warum Schminken und Schmuck kein Luxus, sondern Medizin sind
Hier haben wir es mit der Selbstpräsentation zu tun. Studien aus der Gerontologie zeigen: Menschen, die sich im Alter weiterhin pflegen und “in Erscheinung treten”, haben:
weniger depressive Symptome
bessere Körperhaltung
mehr soziale Interaktionen
höhere Lebenszufriedenheit
Der Mechanismus: Wer sich zeigt, wird gespiegelt. Wer gespiegelt wird, fühlt sich real.
Isolation zerstört Identität. Marcella schützt ihre Identität jeden Morgen vor dem Spiegel.
Gene helfen – aber Umwelt entscheidet
Dass Marcellas Mutter 102 wurde, passt zu dem, was wir wissen: Genetik erklärt etwa 20–30 % der Langlebigkeit. Die restlichen 70–80 % kommen aus:
sozialer Struktur
Bewegung
Stressniveau
Sinn
Ernährung
Schlaf
Marcella hat also das volle Paket!
Was Marcella mir an diesem milden Dezembertag gezeigt hat, lässt sich in einen Satz fassen:
Ein langes Leben entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Verbundenheit.
Ein Café, auf das man sich jeden Tag freut - meistens in der Sonne getrunken. Freund:innen, die auf einen warten und für die man sich hübsch macht. Ein Viertel, das miteinander spricht.
Solche alltäglichen Muster sind gesundheitsförderlich. Und sie wirken nachweislich lebensverlängernd.
Vielleicht steckt das Geheimnis eines guten Lebens also nicht im neuesten Biohacking-Trend, sondern im nächsten Caffè mit jemandem, den du wirklich gern siehst.
*Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review, 2010
** Good genes are nice but joy is better, harvard Gazette, 2017




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